Es gibt immer jemanden zum Reden

Wie funktioniert Krisenhilfe in Oberösterreich? Ein Besuch in der Zentrale in Linz.

Magdalena Pichler

So könnte ein Gespräch bei der Krisenhilfe in OÖ aussehen. Foto: Thomas Hackl

Die Sessel im Wartebereich der Krisenhilfe in Linz laden zum Platznehmen ein, eine ruhige, helle Atmosphäre prägt die Räumlichkeiten. Katja Sieper, Leiterin der Krisenhilfe Oberösterreich, kommt in den Warteraum und bittet in einen der Beratungsräume zum Gespräch. So ähnlich könnte auch ein Beratungstermin bei der Krisenhilfe in Oberösterreich beginnen.

Krisenhilfe und- intervention sind in Österreich Ländersache. Das heißt, dass es unterschiedliche Nummern für psychische Krisen gibt, in Oberösterreich ist es die 0732/2177. Österreichweit gibt es die Nummer 142 (Telefonseelsorge) und 147 (Rat auf Draht für Kinder und Jugendliche).

In Oberösterreich erfolgt eine Erstintervention des Öfteren durch Freiwillige des Roten Kreuzes. Die Krisenhilfe mit psychosozialen Fachkräften tritt in Aktion, wenn die seelische Erstversorgung, etwa bei einem Unfall, nicht ausreicht oder aber in persönlichen oder psychiatrischen Krisen, in denen nicht immer im ersten Schritt ein Rettungsdienst gerufen wird. Als Krise gilt laut dem Onlinelexikon PsyOnline ein durch ein „überraschendes Ereignis oder akutes Geschehen hervorgerufener schmerzhafter seelischer Zustand oder Konflikt innerhalb einer Person (innerpsychische Krise) oder zwischen mehreren beteiligten Personen”. Für die psychosoziale Arbeit gibt es dann verschiedene Möglichkeiten, mit Krisensituationen zu arbeiten.

Zuhören, Erklären, Normalisieren

In mancher Weise arbeitet die Krisenhilfe Oberösterreich präventiv. Denn Krisen könne man oft schneller „entwirren”, je früher sich jemand meldet, sagt Sieper. Auch nach Suiziden, Unfällen oder Gewalttaten werden Betroffene oder Angehörige schnell betreut. Denn so kann man etwa einer möglichen posttraumatischen Belastungsstörung entgegenwirken. Zum Beispiel durch Zuhören, Erklären, wie das Gehirn in einer Krise tickt und welche Reaktionen in Anbetracht der Situation völlig normal sein können, oder Übungen, die eine Verankerung im Hier und Jetzt ermöglichen.

Die Krisenhilfe OÖ ist zum einen für akute psychiatrische und psychosoziale Krisen zuständig, etwa wenn einem eine Situation über den Kopf wächst, zum anderen in Situationen, die ein Trauma auslösen können, wie ein Unfall. „Eine Besonderheit in Oberösterreich im Vergleich zu den anderen Bundesländern ist, dass die Krisenhilfe beide Bereiche abdeckt“, sagt Katja Sieper. Und in manchen anderen Bundesländern gebe es beispielsweise noch keine eigene 24-Stunden-Krisennummer.

Katja Sieper ist die Leiterin der Krisenhilfe Oberösterreich. Foto (c) Nell Leidinger

Reden hilft - auch bei Suizidgedanken

Zwei Drittel der Hilfesuchenden sind Frauen. Männer rufen oft erst dann an, wenn es ihnen bereits sehr schlecht geht. Laut SUPRA (Suizidprävention AUSTRIA) führen Männer häufiger einen Suizid aus als Frauen. Bei Männern sind es 22 pro 100.000 Einwohner und bei Frauen 5 pro 100.000 Einwohnerinnen. Generell sinkt die Suizidrate aber seit den 1980er Jahren, auch dank der Suizidprävention in Österreich.

Ein Mann habe einmal angerufen und sei kurz davor gewesen, einen Suizid auszuführen. „Es gab noch eine Seite in ihm, die Leben wollte“, sagt Sieper. Die Mitarbeiterin habe über eineinhalb Stunden mit ihm telefoniert und in ganz kleinen Schritten herausgefunden, warum sich das Leben trotzdem für ihn lohnt. Er habe sich für das Weiterleben entschieden.

Kurz zum journalistischen Kontext: Wegen Nachahmungsgefahr (Werther-Effekt) wird in Medien oft nicht über Suizide berichtet. Das ist berechtigt. Es gibt jedoch auch den gegenteiligen Effekt (Papageno-Effekt), dass Berichte über die Bewältigung von Krisen zu einer Suizidprävention beitragen können. In diesem Sinne versteht sich der Text.

„Seien Sie mutig, schauen Sie hin“, lädt die Leiterin der Krisenhilfe ein.

Über Suizidgedanken wird häufig nicht gesprochen. Und wenn doch, fällt manchmal dem Umfeld der Umgang damit schwer. „Wir haben als Angehörige- oft Angst, dass wir etwas falsch machen könnten. Und das ist tatsächlich ein bisschen so wie bei der ersten Hilfe: Wenn Sie zu einem Unfall kommen, ist das einzige, was wirklich nicht hilfreich ist, nichts zu tun“, sagt Sieper. Sie nennt drei Schritte, wie man helfen kann, wenn eine Person von Suizidgedanken spricht: „Hinschauen, zuhören und die Person ernst nehmen und gemeinsam nach einer Unterstützung suchen. Seien Sie mutig, schauen Sie hin“, lädt die Leiterin der Krisenhilfe ein.

Im Video erklärt Katja Sieper Schritte zur seelischen ersten Hilfe:

Katja Sieper erklärt erste Schritte zur seelischen ersten Hilfe wenn jemand Suizidgedanken äußert. Video: Magdalena Pichler

„Wenn Sie überlegen, ob es Ihnen schlecht genug geht, bei der Krisenhilfe anzurufen, rufen Sie an”

Häufig kann schon viel früher geholfen werden. Sieper nennt auch das Beispiel einer älteren Dame, die sich nach dem Tod ihres Partners überflüssig gefühlt habe und erste Gedanken hatte, ob sie nicht vielleicht zu lästig für ihr Umfeld sei. Recht rasch habe sich dann im Laufe der Beratungen klären lassen, dass ihre Tochter und ihre Enkelkinder sie schon sehr vermisst hätten und die Frau habe ihren Lebenssinn wieder gefunden.

„In der Krisenhilfe bekommt man innerhalb von 48 Stunden einen Termin“, sagt Katja Sieper. 48 Stunden deshalb, weil frühes Handeln entscheidend ist, um bei potenziell traumatischen Ereignissen eine Belastungsstörung vorzubeugen. Die Zentrale ist in Linz, zudem gibt es Regionalstellen in Ried, Wels, Steyr, Bad Leonfelden und Vöcklabruck. Bei Bedarf können es auch mehrere Termine sein. Außerdem gibt es einen Bereitschaftsdienst und die rund um die Uhr erreichbare Krisennummer, bei der man sich jederzeit melden kann. „Man blockiert keine Leitung, wenn man anruft“, sagt Sieper. Es gibt auch die Möglichkeit, eine Online- oder eine Chatberatung in Anspruch zu nehmen. Auf Wunsch ist alles anonym.

Auch ein einmaliger Hausbesuch ist eine Möglichkeit. Da kommen dann zwei Mitarbeitende zu einem nach Hause. Oft hilft es bereits, die Lage sortieren und mit jemandem Außenstehenden zu sprechen. Manchmal sind es vermeintlich kleine Dinge, die das Fass zum überlaufen bringen. Sieper nennt das Beispiel einer Alleinerzieherin, deren Waschmaschine kaputtging. Davor gab es viele Belastungsmomente, das Geld war knapp. Der Frau konnte gut geholfen werden. In solchen Fällen werde auch an Stellen für finanzielle Beihilfen vermittelt.

„Wenn Sie überlegen, ob es Ihnen schlecht genug geht, bei der Krisenhilfe anzurufen, rufen Sie an“, ermutigt Sieper zum Abschluss des Gesprächs. Und damit geht es wieder hinaus auf die vormittäglich quirligen Straßen in Linz. 

Im Video ermutigt Katja Sieper sich bei der Krisenhilfe zu melden:

Man kann jederzeit bei der Krisenhilfe OÖ unter 0732/ 2177 anrufen. Video: Magdalena Pichler


Krisennummern (anonym, kostenlos, rund um die Uhr):

  • Telefonseelsorge: 142

  • Notruf für Kinder und Jugendliche (Rat auf Draht): 147

  • Krisenhilfe Oberösterreich: 0732 2177

  • Psychosoziale Dienste Wien: Sorgennummer 01 4000 53000 (8-20 Uhr); Psychiatrische Soforthilfe: 01/ 31 330 (0-24 Uhr)

Quellen & nützliche Links

 

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